Die Disziplinen des Freedivings

Freediving hat acht offizielle Disziplinen. Manche messen Tiefe. Manche messen Distanz. Eine misst, wie lange du gesichtsabwärts im Pool liegen kannst, ohne zu atmen. Jede ist ein anderer Test des menschlichen Körpers, und ein anderer Weg zu erleben, was ein einziger Atemzug schaffen kann.

Tiefen-Disziplinen

CWT, Constant Weight

CWT

Die Vorzeigedisziplin. Die, die in die Schlagzeilen kommt.

Du steigst aus eigener Kraft ab und auf, mit einer Monoflosse, entlang einer vertikalen Leine, ein Seil von einer Boje an der Oberfläche bis zur Zieltiefe, das als Führung und Sicherheitsreferenz dient. "Constant weight" heißt: Du darfst während des Tauchgangs kein Gewicht abwerfen, was du runter bringst, bringst du wieder hoch. Die Monoflosse gibt Antrieb mit Delfinschlag und macht aus deinen Beinen eine einzige kraftvolle Einheit.

CWT produziert die tiefsten Tauchgänge in jeder Disziplin, in der der Athlet aus eigener Kraft zurückkommt. Die Technik ist eine Balance aus Hydrodynamik, Druckausgleich (die Ohren beim Anstieg des Umgebungsdrucks klären) und mentaler Ruhe. In der Tiefe bewegt sich die Monoflosse kaum, der Taucher spart jedes Sauerstoffmolekül.

Rekorde
Herren: Alexei Molchanov, 136m+
Damen: Alenka Artnik / Alessia Zecchini, 123m

Unter etwa 30 Metern wirst du negativ tariert. Der Ozean zieht dich buchstäblich runter. Taucher nennen das "Free Fall"und es ist das Nächste, was es in dieser Welt zum Fliegen gibt.

CWTB, Constant Weight Bi-Fins

CWTB

Gleiche Regeln wie CWT, aber mit zwei einzelnen Flossen statt Monoflosse. Die Kicktechnik ist ein Standard-Flutterkick statt Delfinschlag.

CWTB ist als offizielle Disziplin neuer, 2019 von AIDA anerkannt. Viele Taucher empfinden sie als natürlicher als die Monoflosse, näher an dem, wie Menschen schwimmen. Der Preis: Bi-Flossen sind weniger effizient als eine Monoflosse, also sind die Tiefen etwas geringer.

Rekorde
Herren: Alexei Molchanov, 127m
Damen: Alenka Artnik, 118m

Manche Taucher trainieren ausschließlich mit Bi-Flossen, weil die Technik besser ins Freizeit-Freediving übertragbar ist. Du brauchst keine Monoflosse, um den Ozean zu genießen.

CNF, Constant Weight No Fins

CNF

Die reinste Disziplin.

Keine Flossen. Keine Monoflosse. Keinerlei Antrieb. Du ziehst dich mit den Armen an der Leine nach unten und schwimmst mit modifiziertem Brustschwimmen-Kick wieder hoch. Du und das Wasser. Sonst nichts.

CNF gilt als körperlich anspruchsvollste Tiefen-Disziplin, denn ohne Flossen kostet jeder Meter mehr Energie und mehr Sauerstoff. Die Athleten, die in CNF glänzen, haben außergewöhnliche Effizienz, nicht Kraft, sondern eine fast unmenschliche Fähigkeit, Bewegung zu minimieren.

Rekorde
Herren: William Trubridge, 102m
Damen: Alessia Zecchini, 76m

William Trubridge trainierte in Dean's Blue Hole auf den Bahamas, ein vertikales Sinkloch mit über 200 Metern Tiefe. Er trainiert oft allein mit nur einem Safety-Team, weil das Blue Hole so abgelegen ist, dass reguläre Trainingspartner rar sind. Deshalb ist er so ein Verfechter, Freediving-Communities aufzubauen.

FIM, Free Immersion

FIM

Du ziehst dich nur an der Leine hoch und runter. Keine Flossen, kein Schwimmen. Nur Hand über Hand entlang der Tauchleine.

FIM ist oft die erste Tiefen-Disziplin für Anfänger, weil die Technik intuitiv ist, an einem Seil zu ziehen kann jeder. Sie erlaubt auch exzellente Körperkontrolle beim Druckausgleich, weil deine Hände an der Leine sind statt zu kicken.

Fortgeschrittene FIM-Taucher entwickeln einen flüssigen, fast meditativen Zugrhythmus. Die Abstiege wirken mühelos. Sind sie aber nicht.

Rekorde
Herren: Alexei Molchanov, 131m
Damen: Alessia Zecchini, 101m

FIM ist die bevorzugte Disziplin für Tiefentraining, denn der Taucher kann sich ganz auf den Druckausgleich konzentrieren, ohne die Flossentechnik im Kopf zu haben. Wenn deine Ohren der Engpass sind (und für die meisten Taucher sind sie das), ist FIM dein Arbeitsfeld.

VWT, Variable Weight

VWT

Du tauchst mit einem schweren Gewicht (Schlitten oder Bleiplatte) ab und steigst aus eigener Kraft auf, meist durch Ziehen am Seil oder Flossenschlag.

Variable Weight erlaubt tiefere Tauchgänge als CWT, weil der Abstieg passiv ist, die Schwerkraft arbeitet. Aber der Aufstieg ist schwerer, weil du tiefer bist und auf dem Weg nach unten schon Sauerstoff verbrannt hast.

VWT wird nicht bei AIDA-Weltmeisterschaften ausgetragen, aber als offizielle Rekord-Kategorie anerkannt.

Rekorde
Herren: Stavros Kastrinakis, 154m
Damen: Nanja van den Broek, 130m

VWT wird manchmal als Trainings-Tool für No-Limits-Versuche genutzt, weil es die tiefen Abstiege ohne die Komplexität eines motorisierten Schlittens simuliert.

NLT, No Limits

NLT

Die absolute Grenze menschlicher Tiefe.

Du steigst auf einem gewichteten Schlitten ab, ein Gerät, das dich an einer Schiene entlang der Tauchleine nach unten zieht. Du steigst mit einem Lift-Bag (aufblasbarer Ballon) oder einem mechanischen Gerät auf. Kein Schwimmen in keine Richtung.

No Limits ist die Disziplin der tiefsten Tauchgänge der Menschheitsgeschichte. Sie ist auch die gefährlichste, denn die Tiefen erzeugen extreme physiologische Belastung: Stickstoffnarkose, Sauerstofftoxizitätsrisiko, Blutverschiebung jenseits jeder anderen Disziplin und Dekompressionsprobleme beim Aufstieg.

Rekorde
Herren: Herbert Nitsch, 214m (2007)
Damen: Tanya Streeter, 160m (2002)

AIDA sanktioniert NLT-Rekorde aus Sicherheitsgründen nicht mehr offiziell. Die genannten Rekorde sind historisch.

Herbert Nitschs 214-m-Rekord steht seit 2007. 2012 versuchte er 253 m und erlitt beim Aufstieg schwere Dekompressionskrankheit und mehrere Hirninfarkte. Die Ärzte sagten, er würde nie wieder gehen oder sprechen. Er widerlegte sie, und taucht heute wieder. Die 214-m-Marke bleibt unangefochten. Vielleicht für immer.

Pool-Disziplinen

STA, Static Apnea

STA

Die einfachste und brutalste Disziplin.

Treibe gesichtsabwärts im Pool. Nicht atmen. Das ist alles.

Keine Bewegung. Keine Ablenkung. Keine Tiefe, keine Distanz. Nur du, deine Lunge und die tickende Uhr. Static Apnea ist reines Atem anhalten, alles andere abgestreift. Ein Kampf zwischen deinem Körper, der nach Luft schreit, und deinem Verstand, der weiß, dass alles in Ordnung ist.

Die ersten Kontraktionen (Zwerchfellkrämpfe, die nach Atem verlangen) starten bei den meisten Menschen nach 2-3 Minuten. Wettkampf-Athleten halten 8, 9, 10+ Minuten mit Kontraktionen aus. Das mentale Spiel ist alles.

Rekorde
Herren: Budimir Sobat, 11 Minuten 54 Sekunden
Damen: Natalia Molchanova, 9 Minuten 2 Sekunden (2013, steht IMMER NOCH)

Natalia Molchanovas STA-Rekord steht seit 2013. Sie stellte ihn mit 51 auf. Keine Frau hat ihn in über einem Jahrzehnt gebrochen. Damit du 9:02 einordnen kannst: Der durchschnittliche untrainierte Mensch wird nach etwa 1:30 ohnmächtig.

DYN / DNF / DYNB, Dynamic Apnea

DYN / DNF / DYNB

Schwimme im Pool unter Wasser so weit wie möglich. Horizontal. Mit einem Atemzug.

Es gibt drei Varianten:

  • DYN (Dynamic mit Flossen), Monoflosse, Delfinschlag
  • DNF (Dynamic No Fins), nur Brustschwimmen, keine Ausrüstung
  • DYNB (Dynamic Bi-Fins), zwei Flossen, Flutterkick

Dynamic ist das Pool-Pendant zu CWT. Es geht um Effizienz: Wie weit kommst du mit einer festen Menge Sauerstoff? Jede unnötige Bewegung, jeder Moment Spannung, jeder unperfekte Kick kostet Distanz.

Die besten DYN-Athleten schwimmen mit fast roboterhafter Konsistenz. Ihr Delfinschlag ist vom ersten bis zum letzten Meter identisch. Wendungen an der Wand sind flüssig. Keine verschwendete Bewegung.

Rekorde
Herren: DYN (Flossen): Mateusz Malina, 300m+
Damen: DNF (ohne Flossen): Der Rekord wird weiter über 240 m geschoben (Stand 2025)

DYNB (Bi-Flossen): Mateusz Malina, 290m+

300 Meter unter Wasser mit einem Atemzug. Das sind 12 Bahnen eines 25-Meter-Pools. Ohne aufzutauchen. Ohne zu atmen. Die Pool-Rekorde sind so surreal wie die Tiefen-Rekorde, nur leichter vorstellbar, weil wir alle wissen, wie lang ein Pool ist.